Die Japanerinnen und Japaner lieben Handyromane, so genannte
"mobairu shousetsu" (Romane für das Handy) und "keitai shousetsu"
(Handyromane im engeren Sinne). In Europa fing
die Bewegung um das Jahr 2007 an, getrieben von einzelnen
Personen wie Oliver Bendel und Anbietern wie der cosmoblonde GmbH und
der Blackbetty
Mobilmedia GmbH. Der Handyroman wird auf dem mobilen Gerät
gespeichert und in allen möglichen Situationen gelesen, bei der
Fahrt zur Arbeit oder zur Schule bzw. Hochschule, am Strand (also im
Sonnenlicht) und im Bett (etwa unter der Decke). Die Bücher
können, müssen aber nicht auf dem Handy geschrieben werden.
Die Größe des Displays und der Tastatur und andere
Gegebenheiten können bestimmte literarische Formen entstehen
lassen. So sind kurze, einfache Sätze typisch. Dialoge werden
tendenziell vermieden oder auf das Wesentliche beschränkt. Die
Plots sind meistens temporeich und schräg und drehen sich oft um
Liebe und Leidenschaft. Handyromane sind also nicht einfach eine
weitere Form von E-Books, sondern ein eigenes Genre. Die Autoren sind
in der Regel Außenseiter des Literaturbetriebs oder jugendliche
Talente, in Japan insbesondere Mädchen.
Handyromane werden entweder im Ganzen bereitgestellt oder treten
als
Fortsetzungsromane bzw. Serien von Geschichten auf; gegen einzelne
Zahlungen oder eine Abonnementgebühr bekommt man neue Folgen auf
das Handy. Von einigen Autoren und Anbietern werden Handyromane auf
Websites veröffentlicht, wo Leser die Romane kommentieren und
Einfluss auf die Handlung nehmen können. Besonders erfolgreiche
Handyromane erscheinen in Japan in gedruckter Form und werden dadurch
noch erfolgreicher.
Das Phänomen hat in Asien seit Jahren eine enorme Wirkung
auf
Literaturbetrieb und -markt, ist in Europa hingegen noch nicht weit
verbreitet. Dennoch machen sich auch hier Autoren und Unternehmen
auf, um neue Literaturarten zu entwickeln, neue Technologien und neue
Geschäftsmodelle, und Zeitungen, Zeitschriften und Radio- und
Fernsehsender berichten über den Trend. Dabei stellen sich
bereits jetzt grundlegende Fragen für die bisherigen Produzenten,
Vertreiber und Bewahrer des Buchs, etwa die Verlage und Bibliotheken.
Für einen Erfolg der Handyromane in Europa wird eine ausreichende
Masse an Literatur mit entscheidend sein. Differenzieren muss man
generell zwischen solchen Autoren, die ihre konventionellen Texte auf
das Handy übertragen wollen, und solchen, die speziell für
das Handy oder Smartphone schreiben. Der zweiten Gruppe, der in diesem
Kontext eine Schlüsselrolle zukommt, gehören noch wenige
Autoren an. Und natürlich muss geeignete Literatur entstehen,
Literatur, die auf das Handy passt und das Potenzial mobiler
Geräte nutzt, Literatur, die die Zielgruppen anspricht und
fasziniert. Einen Einfluss auf den Markterfolg wird nicht zuletzt der
Erfolg oder Misserfolg konkurrierender Ansätze haben.